


Wie zwei Freunde die Sockengeschichte Sachsens fortschreiben
Die Geschichte von SOXN beginnt mit einer Recherche, einem Geburtstagsgeschenk und einem Experiment:
Die Recherche – Marius Emsel stößt im Rahmen seiner journalistischen Arbeit für den MDR auf eine fast unglaubliche Zahl: Vor rund 100 Jahren kamen knapp 80% aller Socken und Strumpfwaren weltweit aus Sachsen! Beinahe ebenso erstaunlich findet er, dass von dieser Industrie – und dem damit verbundenen Know-How – heutzutage kaum noch etwas übrig ist.
Das Geburtstagsgeschenk – Marius Emsel schenkt seinem Kumpel Philipp Zipfel, seines Zeichens Künstler und Designer, jedes Jahr ein Paar bunte Socken einer amerikanischen Marke zum Geburtstag – Socken, die in China produziert und für 20€ pro Paar in Deutschland verkauft werden. Das fanden die beiden Skateborder dann doch „irgendwie bescheuert“ und fragten sich, ob das nicht auch anders geht.
Ein Experiment mit Folgen
Ein gemeinsames Projekt wollten Emsel und Zipfel schon seit Längerem umsetzen. Inmitten der Corona-Zeit beschlossen sie 2020 schließlich, die Produktion sächsischer Socken zu ihrem Projekt zu machen. Die Idee war simpel: „Wir gehen mit den amerikanischen Socken zu einer dieser alten Strumpffabriken und schauen, ob die sowas auch können“, so Zipfel. Solange der Verkaufspreis auch um die 20€ läge, wäre es einen Versuch wert. „Und da haben wir einfach mal bei der Strumpffabrik angerufen, sind hingefahren und so hat eigentlich alles angefangen“, wie Zipfel weiter ausführt.
Die Wahl fiel auf die Strumpffabrik Lindner im sächsischen Hohenstein-Ernstthal – ein Familienbetrieb, der vom Sohn nach der Wende von der Treuhand zurückgekauft wurde. Mit offenen Armen vom Chef persönlich empfangen, produzierten Emsel und Zipfel zunächst 300 Paar. „Zur Not kriegen wir die in unserem Leben schon verbraucht. Oder mit Hilfe von Freunden und Bekannten“, sagten sie sich damals.
Was als Experiment begann, wird zur Mission – und zum Gründungsmoment von SOXN: Ein hochwertiger Sportstrumpf in Bio-Qualität und aus regionaler Produktion.
Nachhaltige Produktion zwischen Vision und Wirklichkeit
Es dauerte fast zwei Jahre, bis Emsel und Zipfel ihre Lieferkette vollständig nachvollziehen konnten. Anfänglich bezogen sie ihre Baumwolle über Bremerhaven, ließen sie in Baden-Württemberg verspinnen, in Thüringen umspinnen und färben, und in Sachsen schließlich verstricken. Als die Thüringer Färberei aufgrund fehlender Nachfolge vor Kurzem schließen musste, half der Zufall: Die Strumpffabrik Lindner unterhält eine Niederlassung in der Türkei, sodass künftig türkische Bio-Baumwolle vor Ort gesponnen und gefärbt wird und Transportwege weiterhin gering gehalten werden können.
Zuvor bezog SOXN seine Baumwolle je nach Jahreszeit aus unterschiedlichen Anbaugebieten, wobei stets auf eine GOTS-Zertifizierung geachtet wurde, um die Umweltauswirkungen von Baumwollanbau und -weiterverarbeitung möglichst gering zu halten.
Die Materialbeschaffung bleibt für Empsel und Zipfel aber das größte Problem der Textilindustrie, denn wenngleich Baumwolle aufgrund seiner Saugkraft, Atmungsaktivität, Geruchsneutralität sowie seines Tragekomforts eigentlich perfekt für die Herstellung von Socken geeignet sei, suchen Zipfel und Emsel u.a. wegen ihres hohen Wasserbedarfs nach lokalen Alternativen. Aktuell testet SOXN daher Garne, die jeweils zur Hälfte aus Bio-Baumwolle und Nesselfasern bestehen, mit dem Ziel, mindestens 50 Prozent des Rohmaterials aus lokalen Quellen zu beschaffen. Allerdings lassen sich die Garne momentan noch nicht zuverlässig industriell verarbeiten.
„Vor 100 Jahren konnte man aus Brennessel und Nesselfasern Garne produzieren. Da war das Nesselfeld direkt vor der Strumpffabrik und man konnte die zu Garnen verarbeiten damals und Strumpfhosen daraus machen. Aber natürlich ist das alles kaputt gegangen und die Technologie verloren.“
Philipp Zipfel
Ausgebremst werden die SOXN-Garn-Experimente zudem von relativ hohen Mindestabnahmemengen, zu deren Verarbeitung sie Partner benötigen, die es in der Region zwar gäbe, die jedoch bisher kaum Interesse an der Zusammenarbeit mit einem kleinen Label gezeigt hätten, da deren Textilforschungsprojekte eher an der Autoindustrie und Verbundwerkstoffen orientiert seien. Auch der Versuch, die Klimabilanz unterschiedlicher Fasern zu ermitteln, brachte ernüchternde Resultate: „Sie müssen schon wissen, was Sie den Leuten verkaufen wollen“, sei die häufigste Reaktion gewesen, die für SOXN symptomatisch für ein tieferes Problem in der Branche steht: Es gehe zu oft um’s Verkaufen, nicht um das beste Produkt.
Qualität, die für sich spricht
SOXN setzt demgegenüber vor allem auf Nachhaltigkeit, Transparenz und Qualität. Schließlich sind Socken „neben Unterwäsche das am meisten beanspruchte Kleidungsstück, das man hat“, wie Zipfel zu bedenken gibt. Und Nachhaltigkeit bedeute eben nicht nur eine möglichst umwelt- und arbeitnehmer:innenschonenende Produktion mit kurzen Wegen, sondern auch die Herstellung von Produkten, die möglichst lange halten. Die SOXN-Socken sind dementsprechend robust gestaltet – und mit minimalem Kunststofffaseranteil ausgestattet, sodass sie problemlos mehrere Tage getragen werden können, ohne unangenehme Gerüche zu entwickeln, und beim Waschen zudem kaum Mikroplastik freisetzen. Die Retourenquote ist folglich minimal – und viele Kund:innen sind bereits zu Stammkund:innen geworden: „Die Leute sind zufrieden mit der Qualität und kaufen sich halt noch ein Paar“, so Zipfel.
Verkauft werden die SOXN-Socken über den eigenen kleinen Onlineshop und in ausgewählten Läden der Region – sowie auf lokalen Märkten, oft von Zipfel selbst, transportiert via Lastenrad. Zwar waren anfangs viele skeptisch, ob sich Socken für 25 Euro pro Paar verkaufen lassen würden, doch Qualität und Transparenz zahlen sich aus. Der direkte Kund:innenkontakt auf Märkten schafft dabei nicht nur Vertrauen, sondern ermöglicht SOXN auch, die Geschichte hinter den Socken zu erzählen und die Preise zu erklären.
„Wir haben so ein absurdes Verständnis darüber, was Textilien kosten, was Dinge wert sind, was sie kosten müssten.“
Philipp Zipfel
Klassische Online-Werbung kommt für SOXN bislang nicht infrage; vor allem soziale Medien werden kritisch gesehen. „Ich hätte kein Problem damit, einer lokalen Zeitung Geld zu geben und die zu unterstützen“, so Zipfel, aber heutzutage laufe alles über Plattformen wie Instagram oder TikTok und an deren Finanzierung habe man wenig Interesse. Stattdessen setzt das Label aktuell auf Mund-zu-Mund-Propaganda und ein langsameres, organisches Wachstum.
Mit Sachsen verbunden
Doch all das funktioniert nur, solange die regionale Struktur erhalten bleibt:
Wir produzieren halt nur in Sachsen; das steckt auch im Namen drin. Und das Projekt stirbt, wenn die Fabrik schließt. Dann machen wir auch mit den Socken zu. … Wir sind in Leipzig gemeldet, hier beim Gewerbeamt – eigentlich wäre es ja völlig egal, wo ich die Socken herstellen lasse; ich kann die auch in Portugal kaufen und sagen „Made in Sachsen“, weil ich hier halt das Etikett draufmache – aber das ist natürlich Quatsch.
Philipp Zipfel
Vom Etikett und der recycelten Papierverpackung, die in Chemnitz bedruckt werden, bis hin zum Vertrieb per Lastenrad (innerhalb Leipzigs) – alles, was möglich ist, bleibt lokal. SOXN ist nicht bloß ein Sockenlabel, sondern ein Bekenntnis zur Region, ihrer Geschichte sowie dazu, sie verantwortungsbewusst weiterzuschreiben.
Interview mit dem Geschäftsführer
Die nachfolgenden Auszüge entstammen einem Interview mit dem Geschäftsführer Philipp Zipfel, welches am 12.02.2025 im Ladengeschäft in Leipzig geführt wurde und eine Grundlage für die obige Unternehmensvorstellung darstellt.
Was ist Ihr Verständnis von Nachhaltigkeit?
Nachhaltigkeit ist für mich, einfach ökologisch zu handeln, ressourcenschonend, verantwortungsbewusst. … Also, die soziale Verantwortung ist, finde ich, auch sehr wichtig.
Im Sinne von Socken müssen sie halt lange haltbar, möglichst ressourcenschonend und mit kurzen Transportwegen verbunden sein. Und die Materialien müssen – also, wenn es halt die Möglichkeit gibt, ein Baumwollgarn zu bestellen, das irgendwie unter besseren Bedingungen als das konventionelle hergestellt worden ist, dann nehme ich das. Und ja, wenn da dann noch garantiert wird, dass die Leute vor Ort unter fairen Arbeitsbedingungen arbeiten und ich das transparent meinen Kunden widerspiegele, das ist für mich ein Unternehmen, was nachhaltig ist.
Wie spiegelt sich „Nachhaltigkeit“ in Ihrem Unternehmen wider?
Regionale Produktion, nachhaltige Materialien – das ist wirklich das A und O, was wir auch umgesetzt haben.
Plastikfreie Verpackung … Das Etikett wird halt auch in Chemnitz in einer Druckerei gemacht, nicht irgendwo anders oder online bestellt, sondern in Chemnitz vor Ort produziert und das Verpackungsmaterial, das wir verwenden, lassen wir auch in Chemnitz drucken. Also, wir lassen halt sozusagen dann alles vor Ort in Sachsen drucken, das Verpackungsmaterial, die Tüten kommen aus Deutschland und sind jetzt nicht irgendwie die günstigsten, sondern sind halt auch Biotüten aus recyceltem Papier.
Ich fahr alles mit dem Lastenfahrrad, wenn wir hier [in Leipzig] ausliefern.
Also, es passiert immer mal, dass eine falsche Farbe auf dem Socken ist. Und wir sind dann natürlich nicht so eine Firma, die den wegwirft, sondern sagt, den nehmen wir jetzt trotzdem und dann muss man dann halt den Kunden offen kommunizieren.
Was empfehlen Sie anderen Unternehmer:innen, die sich ebenfalls vermehrt um „Nachhaltigkeit“ bemühen möchten?
Lokale Produktion ist natürlich top, weil wir halt auch ein persönliches Verhältnis haben. Ich kenne alle in der Strickfabrik. Ich kann da hinfahren. Die machen für uns auch ganz andere Sachen als für andere. … Voll oft geht was schief, aber wir sind nie sauer, sondern finden halt irgendwie gemeinsam eine Lösung.
Was wünschen Sie sich von Ihrem Mit-Unternehmer:innen, Geschäftspartner:innen und Kund:innen; von Politik und Zivilgesellschaft?
Ich würde mir wünschen, dass die Unternehmen ehrlich bleiben. Es würde uns das Leben einfacher machen, wenn alle ehrlich wären.
Dass die Leute halt so ein bisschen mehr im Kreislauf denken.
[Politik] Ja, das mit den Lieferketten ist super, klare Rahmenbedingungen. Und natürlich, dass so kleine Projekte gefördert werden.
Kontakt
SOXN
Helmholtzstraße 27 | 04177 Leipzig
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