Abfall ist nur ein Rohstoff am falschen Ort
Das Video-Skript zum Nachlesen
Auf einem Planeten mit endlichen Ressourcen stoßen unsere bisherigen Produktions- und Konsummuster zunehmend an ihre Grenzen: Während die Müllberge immer weiter wachsen, werden wichtige Ressourcen zunehmend knapper.
Denn unser aktuelles Wirtschaftssystem folgt einem einfachen, aber folgenschweren Muster:
- Wie entnehmen Rohstoffe – oftmals unter ökologisch und sozial fraglichen Bedingungen;
- Wir stellen Produkte aus diesen Rohstoffen her – wiederum oftmals unter ökologisch und sozial fraglichen Bedingungen;
- Wie handeln und konsumieren diese Produkte – zunehmend via Online-Handel, was das Sterben des stationären Handels und damit einhergehend der Innenstädte fördert;
- Und schließlich entsorgen wir die Produkte wieder – oftmals obwohl sie noch voll funktionsfähig sind, jedoch Moden und Trends nicht mehr entsprechen. Und oftmals in einer Art und Weise, die eine Weiter- oder Wiederverwendung der darin enthaltenen Ressourcen unmöglich macht.
Diese Form des Wirtschaftens wird folglich als „Lineares Wirtschaften“ bezeichnet. Es führt nicht nur zu einer Überbeanspruchung unserer natürlichen Rohstoffquellen wie auch Schadstoffsenken, sondern auch zu anhaltenden Abhängigkeiten von immer neuen Rohstoffimporten.
Mit dem Grünen Punkt wurde bereits in den frühen 1990er Jahren ein System in Deutschland etabliert, das helfen sollte, Müll zu vermeiden und Materialien einer Wiederverwendung zuzuführen – das Recycling. Zunächst nur Verpackungsmaterialien betreffend, wurde das System in den 2000er Jahren auf weitere Stoffströme, insbesondere Elektroschrott, ausgeweitet.
Angesichts stetig steigender Abfallmengen, der weiterhin fehlenden Recyclingfähigkeit vieler (Verbund-)Materialien sowie unser aller Gewöhnung an Einmal-Produkte konnte es jedoch weder unseren Rohstoffbedarf noch unser Müllaufkommen merklich reduzieren. Dennoch ist Recycling ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise – aber eben nur einer.
Kreislaufwirtschaft oder zirkuläres Wirtschaften beschreibt demgegenüber eine völlig andere Art und Weise, zu wirtschaften, zu konsumieren und mit Materialien umzugehen, die es ermöglichen soll, sowohl Rohstoffabhängigkeiten als auch das Abfallaufkommen merklich zu reduzieren.
Um dies an einem Beispiel zu verdeutlichen, schauen wir uns die Funktionsweise der Kreislaufwirtschaft anhand von To-Go-Kaffeebechern an:
- Im linearen System werden stetig neue Becher produziert, die nach einmaligem Gebrauch im Müll landen.
- Im zirkulären System kommen demgegenüber Mehrwegbecher zum Einsatz. Dabei ist es egal, ob es sich um den eigenen Lieblingsbecher handelt, der zu Hause selbst gespült wird, oder um einen geliehenen Becher, der an einer Abgabestelle wieder abgegeben und von einem Systemdienstleister gespült wird.
- Geht eine Kleinigkeit kaputt, wird sie repariert, z.B. könnte ein Dichtungsgummi ersetzt werden oder der Deckelteil ausgetauscht werden.
- Geht der Mehrwegbecher grundlegender kaputt – bekommt er etwa einen Riss –, könnte er (zumindest auf privater Ebene) z.B. zu einem Stiftehalter umfunktioniert oder anderweitig in einer alternativen Funktion verwendet werden.
- Wenn die Nutzungsdauer des Bechers endgültig aufgebraucht ist, wird er letztlich wieder in seine Einzelteile zerlegt, sodass das Material sortenrein eingeschmolzen und zur Herstellung neuer Produkte genutzt werden kann.
- Bevor aber wieder neue Becher hergestellt werden, gilt es innezuhalten und zu überlegen: Was hat sich am Becher-Design bewährt? Was lässt sich noch verbessern? Welche Elemente sollten zukünftig bspw. modularer gestaltet werden, damit sie für die Nutzenden leichter zu reparieren bzw. zu ersetzen sind? Gibt es mittlerweile biobasierte Alternativ-Materialien – und wie sieht deren Öko-Bilanz im Vergleich aus? Ist es überhaupt sinnvoll, noch mehr Becher zu produzieren – oder sollte sich das Geschäftsmodell zukünftig eher auf Services rund um den Kaffeebecher fokussieren, also z.B. ein Verleih- und Rücknahmesystem in Kooperation mit der lokalen Gastronomie? Und wofür ließe sich das bisherige Becher-Material dann alternativ nutzen?
Kreislaufwirtschaft oder zirkuläres Wirtschaften ist also weit mehr als nur Recycling – es ist eine andere Art des Umgangs mit unseren Ressourcen und den daraus produzierten Waren.
Kreislaufwirtschaft basiert dabei auf 10 Prinzipien, den sogenannten „10R“, mit denen drei zentrale Ziele erreicht werden sollen:
Zum einen sollen Ressourcen möglichst lange ohne Verluste im Kreislauf gehalten werden, sodass keine weiteren nicht erneuerbaren Rohstoffquellen ausgebeutet werden müssen.
- Das heißt, dass Materialien wie Glas, Metalle oder Kunststoffe immer wieder aufbereitet und für die Herstellung immer wieder neuer Produkte verwendet. Dies bedarf natürlich, dass Produkte möglichst sortenrein wieder in ihre Ausgangsmaterialien zerlegt werden können und sie dementsprechend gesammelt werden (Recycle).
- Und das heißt, dass Energie möglichst umschauend verwendet wird, also bspw. Abwärme oder Kühlwasser so geleitet wird, dass an anderer Stelle weniger Energie zum Heizen bzw. Kühlen erzeugt werden muss (Recover).
Zum Zweiten geht es darum, einmal produzierte Güter möglichst lange zu nutzen, um dadurch nicht nur Rohstoffe und Energie zu sparen, sondern auch Müll zu vermeiden.
- Das bedeutet, Dinge mehrmals zu verwenden – also Mehrweg statt Einweg (Re-Use).
- Und das heißt, dass defekte Dinge repariert werden, was natürlich voraussetzt, dass diese möglichst modular gestaltet und Ersatzteile sowie ggf. auch Bauanleitungen frei verfügbar sind (Repair).
- Das heißt zudem, dass gebrauchte Dinge technisch und/oder optisch wieder so aufgearbeitet werden, dass sie wieder wie neuwertig sind – etwa bei Möbeln oder Elektrogeräten (Refurbish).
- Bzw. dass aus alten Bauteilen ein komplett neues neuwertiges Produkt entsteht – etwa bei Maschinen oder Fahrzeugen (Remanufacture).
- Das heißt aber auch, dass Dinge eine neue Funktion erhalten – man denke bspw. an Gartenmöbeln, die aus ausgedienten Windkraftrotoren hergestellt werden (Repurpose).
Und zum Dritten geht es darum, vorhandene Materialien und bereits produzierte Güter, aber auch Produktionsprozesse und Geschäftsmodelle möglichst intelligent zu gestalten bzw. zu nutzen, um negative Auswirkungen auf Mensch und Umwelt zu vermeiden.
- Das heißt, dass Produkte möglichst ressourcen- wie auch energieeffizient gestaltet und Unnötiges bewusst weggelassen wird, um den Rohstoffverbrauch zu reduzieren – immerhin müssen sich aktuell gut 8 Mrd. Menschen diesen Planeten teilen, Tendenz steigend (Reduce).
- Das heißt aber auch, dass auf die Verwendung bestimmter Materialien bewusst verzichtet wird, z.B. weil es nachhaltigere Alternativen gibt; oder dass bestimmte Materialverbindungen gemieden werden, weil sie sich nicht sortenrein sammeln bzw. wirtschaftlich rückführen lassen; oder dass die Herstellung bestimmter Produkte unterbleibt, weil sie ehrlich gesagt keinen Mehrwert für irgendwen bieten (Refuse).
- Und das heißt schließlich, dass nicht nur der Umgang mit Ressourcen und folglich das Design von Produkten, sondern auch deren Konsum ehrlich hinterfragt wird – Stichwort Suffizienz. Dies soll aber keine Abkehr von wirtschaftlicher Tätigkeit bedeuten, sondern vielmehr zum Überdenken bisheriger Geschäftsmodelle einladen, bspw. indem Dinge nicht mehr besessen, sondern geteilt werden – Stichwort Sharing Economy. Oder vermehrt Dienstleistungen um ein Produkt statt des Produkts selbst angeboten werden (Rethink).
Denn um den Materialkreislauf zu schließen, braucht es u.a.
- Techniker für die regelmäßige Wartung von Gebrauchsgütern, um sie möglichst lange nutzen zu können (Re-Use) …
- … sowie Reparateure und natürlich auch Ersatzteillager und -börsen, die die Verwaltung und Distribution modularer Teile organisieren. Und es braucht natürlich erstmal modular gestaltete Güter, die sich entsprechend einfach reparieren lassen. Ebenso wie ausreichend Transparenz, Information und Bildung, damit Menschen zunehmend in der Lage sind, ihre Sachen auch selbst zu reparieren – hilfreiche Elemente in diesem Zusammenhang sind offene Werkstätten, Reparaturtreffs (Repair) …
- … oder auch Upcycling-Zentren, in denen selbstständig, unter Anleitung oder gemeinsam mit Materialien experimentieren und kreativ werden können. In diesem Sinne braucht es zur Verlängerung der Lebensdauer von Produkten natürlich auch Produktdesigner, die vermeintlich ausgedientem ein neues hochwertiges Leben geben (Repurpose).
- Wenn sich die Produktlebensdauer nicht mehr weiter verlängern lässt, braucht es schließlich Rückführsysteme in Form von Sammelstellen und Rückgabestationen, durch die Sammlung und der Transport von Altmaterialien organisiert wird. Damit einhergehend braucht es natürlich auch Sortierer & Recyclingfachkräfte, die die gesammelten Materialien trennen, aufbereiten und verwerten. Und schließlich braucht es möglichst effiziente Sortier-, Recycling- und Entsorgungsanlagen, die auch zur Kompost- und Energierückgewinnung genutzt werden können (Recycle).
- Damit das alle funktioniert – Reparatur, Wiederverwendung, Recycling etc. –, ist es zwingend notwendig, dass Produkte kreislauffähig gestaltet sind. Es braucht demensprechend auch Produktdesigner, die Dinge so gestalten, dass sie biobasiert, modular, reparierbar, wiederverwendbar, recyclebar etc. sind. Und es braucht Forschungs- und Entwicklungszentren, insb. für Materialwissenschaft, die die Entwicklung kreislauffähiger Material- und Prozesseinnovationen vorantreiben. Und schließlich braucht es digitale Systeme und Plattformen sowie Sensorik zum Tracking von Materialflüssen, zum Produktlebenszyklusmanagement, aber auch zur Organisation von Sharing-Modellen u.ä. (Rethink).
Kreislaufwirtschaft oder zirkuläres Wirtschaften ist also weit mehr als Recycling – es ist eine andere Art des Wirtschaftens, die sich stärker an tatsächlichen Bedarfen wie auch den planetaren Grenzen orientiert, die Ressourcenschonung und Langlebigkeit in den Mittelpunkt rückt – und gerade dadurch neue Geschäftsmöglichkeiten eröffnet.
Die Transformation von linearem zu zirkulärem Wirtschaften ist keineswegs trivial oder einfach, denn es geht nicht nur um eine technische Frage, sondern vielmehr um einen grundlegenden kulturellen Wandel dahingehend, wie wir Produkte denken, gestalten und nutzen. Doch es lohnt sich, sich frühzeitig damit auseinanderzusetzen, denn …
- … Kreislaufwirtschaft schont die Umwelt und das Klima, indem sie durch langlebige Produkte, intelligente Nutzungskonzepte und eine konsequente Wiederverwertung von Materialien dazu beiträgt, den Bedarf nach Ressourcen sowie das Aufkommen von Abfall und Emissionen zu reduzieren.
- Durch den verringerten Ressourcenbedarf sinkt zugleich die Abhängigkeit von importierten Rohstoffen – ein nicht zu unterschätzender Vorteil in geopolitisch zunehmend unsicheren Zeiten. Durch vertrauensvolle, auf Langfristigkeit angelegte Partnerschaften lässt sich die Lieferkettenresilienz des eigenen Unternehmens zusätzlich stärken.
- Gelingt es, die stofflichen Kreisläufe auf lokaler bzw. regionaler Ebene zu schließen, reduziert dies nicht nur Transportwege und damit einhergehend CO2, sondern es schafft auch qualifizierte Arbeitsplätze in Bereichen wir Wartung, Reparatur, Sortierung und Wiederaufbereitung. Dadurch sowie durch die Ermöglichung neuer Geschäftsmodelle trägt Kreislaufwirtschaft zur Stärkung, Diversifizierung und Resilienz der regionalen Wirtschaft bei.
- Und schließlich lohnt es sich auch aus ganz pragmatischer Sicht, sich näher mit dem Thema auseinanderzusetzen, da die Europäische Union den Wandel hin zur Kreislaufwirtschaft mit dem Circular Economy Action Plan als zentralem Baustein des European Green Deal gezielt vorantreibt. Ergänzt wird das auf nationaler Ebene durch das Kreislaufwirtschaftsgesetz sowie eine wachsende Zahl an Förderprogrammen für zirkuläre Geschäftsmodelle, digitale Rückverfolgungssysteme oder ressourcenschonende Produktion. Und auch mit Blick auf die erweiterte Herstellerverantwortung, die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) oder neue Produktstandards wird deutlich:
Wer heute in Kreislaufwirtschaft investiert, ist auf besser kommende Veränderungen vorbereitet, kann mögliche Strafzahlungen vermeiden und von öffentlichen Förderprogrammen profitieren.
Weiterführende Informationen und Materialien
Zur gegenwärtigen Ressourcengewinnung und -verarbeitung
- Umweltbundesamt: Ressourcennutzung und ihre Folgen
- UNEP: International Resource Panel (engl.)
- Naturschutzbund: Rohstoffgewinnung gefährdet die biologische Vielfalt
- Uni Graz: Kritische Rohstoffe aus sozialer & kultureller Sicht (Blog)
Zum gegenwärtigen Abfallaufkommen
- Umweltbundesamt: Abfall- und Kreislaufwirtschaft
- Europäisches Parlament: Plastikmüll und Recycling in der EU
- World Ocean Review: Verschmutzung – Müll
- Naturschutzbund: Export von Plastikabfällen
- Greenpeace: Afrikas Textilmüll ist unsere Verantwortung
Zu den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft
- Umweltbundesamt: Leitsätze einer Kreislaufwirtschaft (PDF)
- Kreislaufwirtschaft.at: Prinzipien
- Fraunhofer IWU: Circular Economy
- Europäisches Parlament: Kreislaufwirtschaft – Definition und Vorteile
- PriceWaterhouseCooper: Wieso die Kreislaufwirtschaft zur neuen Normalität wird
Zu zirkulärem Design
- Katch-e: Training for Circular Economy in the Construction and Furniture Sectors
- Archiproducts: Zirkuläres Design – Bedeutung, Prinzipien und Beispiele nachhaltiger Einrichtung
- DigitalBau: Zirkuläres Bauen – Digitale Wege zur nachhaltigen Kreislaufwirtschaft
- Mittelstand-Digital Zentrum Hamburg: Kreislauf statt Abfall
Zu zirkulären Geschäftsmodellen
- Fraunhofer IPK: Zirkuläre Geschäftsmodelle
- IW: Zirkuläre Geschäftsmodelle
- WWF: Make it circular! (Strategiespiel)
- Circular Design: Toolkit (engl.)
Zu relevanten Gesetzen
- Bundesregierung: Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie 2025
- Europäische Kommission: Circular Economy Action Plan (engl.)
- BMJV: Kreislaufwirtschaftsgesetz
- Sachsen: Kreislaufwirtschaftsplan 2023
- Sachsen-Anhalt: Kreislaufwirtschaft
- Thüringen: Ausführungsgesetz zum Kreislaufwirtschaftsgesetz
Zu relevanten Förderprogrammen
- BMWE: Ressourceneffizienz und zirkuläre Wirtschaft
- BMFTR: KMU-innovativ – Ressource- & Kreislaufwirtschaft
- DBU: Förderthema 3 – Umweltschonende Produkte
- DBU: Förderthema 4 – Klima- und ressourcenschonendes Bauen
- DBU: Förderthema 7 – Ressourceneffiziente Verfahren, Produktionsprozesse und Werkstoffe
- DBU: Förderthema 8 – Kreislaufführung und effiziente Nutzung großer und umweltrelevanter Stoffströme
- Sachsen: Förderrichtlinie Kreislaufwirtschaft
- Thüringen: GreenInvest Ress
- KfW: Umweltprogramm
Schreibe einen Kommentar