So macht es … HAEMD aus Halle (Saale)

Von der Faserpflanze bis zum fertigen Modeprodukt

Kaur Hensel und Sven Hildebrand sind gute Freunde, die sich im Laufe ihrer Studienzeit in Halle (Saale) kennenlernten. Hensel studierte Modedesign an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein; Hildebrand Germanistik und Politikwissenschaften an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Im Jahr 2020 entschlossen sie sich dazu, gemeinsam das Modelabel HAEMD zu gründen. „Zweimal Wahnsinn, einmal Leidenschaft und ziemlich viel Kreativität“ hätten sie dazu bewogen, wie Hildebrand meint. Denn die Missstände der globalen Mode– und Textilindustrie sind den beiden Männern wohlbekannt. Doch vor allem für Hensel hätte es sonst keine Möglichkeit zur beruflichen Verwirklichung gegeben — als Angestellter hätte er in dieser Branche zu viele Kompromisse eingehen müssen, die er mit sich selbst nicht hätte vereinbaren können. Dann lieber als eigener Chef der eigenen Vision folgen.

Zentraler Dreh- und Angelpunkt dieser Vision ist die lokale Produktion ihrer Mode – von der Faserpflanze bis zum fertigen Produkt. Als Gründungsmitglieder des Netzwerkes TEXTIL aus HALLE im Jahr 2023 sind sie dieser Vision wieder einen großen Schritt näher gekommen: „Wir haben die Weberei, wir haben uns in der Produktion, wir haben Partner im Vertrieb“, so Hildebrand.

Es ist schon was Schönes, zu wissen, dass dieses Material hier hergestellt wurde; und daraus kann ich dann unser Produkt, unser Modeprodukt, machen – das tut schon sehr gut. Und wenn man dem Kunden dann davon erzählt, von dieser Geschichte – das macht schon sehr viel Spaß! Und ja, das möchte ich ausweiten!

Kaur Hensel

Den Anbau von Faserpflanzen erproben sie aktuell in Kooperation mit einem regionalem Landwirt, den sie vor einigen Jahren kennenlernten, als sie nach alternativen Materialien zur Modeproduktion suchten. Auch der Anbau von Färbepflanzen sei perspektivisch angedacht. Einzig die Garnproduktion und der Bezug nachhaltiger Kurzwaren (Knöpfe, Ösen, etc.) stellen sie aktuell noch vor Herausforderungen, so die Modemacher.

Falls Sie, liebe:r Leser:in, in Mitteldeutschland ansässige Garnspinnereien und/oder Bezugsquellen für nachhaltige Kurzwaren kennen sollten, würden sich die beiden Modeschaffenden über entsprechende Hinweise sehr freuen!

Kooperation vor Konkurrenz – Eine andere Art der Skalierung

Dass sie auf diesem Wege nicht die gesamte Bevölkerung in Deutschland komplett einkleiden könnten, sei ihnen klar. Hildebrand hält es aber für ein falsches gesellschaftliches und unternehmerisches Denken, Sachen immer hochskalieren und auf eine Stückzahl von 80 Millionen übertragen zu müssen, wenngleich natürlich jede:r etwas zum Anziehen benötige. HAEMD träumt stattdessen von einem Nebeneinander vieler kleiner, lokal produzierender und spezialisierter Modedesigner:innen, die sich gegenseitig inspirieren und komplementieren. Dementsprechend können beide Modeschaffenden sich auch vorstellen, die HAEMD-Designs eines Tages im Internet hochzuladen und der Welt zur Verfügung zu stellen, um dadurch mit anderen Kreativen in den Dialog zu treten und deren Interpretationen kennenzulernen.

Skalierung ist für Hensel und Hildebrand also nicht gänzlich irrelevant – sie präferieren hierbei jedoch eine Skalierung, die auf der Ausweitung des Netzwerkes TEXTIL aus HALLE basiere anstelle auf der Ausweitung ihrer eigenen Produktion.

Wir finden es halt nicht gut, wenn man Produte endlos und sinnlos produziert.

Kaur Hensel

Während die Weberei Teuscher im Jahr 2023, dem ersten Jahr des Netzwerkbestehens, insgesamt 150m Stoff für die vier übrigen Netzwerkmitglieder produzierte, hätten andere Webereien in Deutschland Mindestabnahmemengen von 1.000m. Dies berge aber nicht nur ein massives unternehmerisches Risiko, sondern verursache auch immensen Stress, damit irgendwie etwas Sinnvolles anzufangen und es auf dem Markt zu verwerten, so Hensel. HAEMD produziert daher lieber „on demand“ und reduziert seine Kosten, indem es diese innerhalb von Netzwerken mit anderen Teilen der textilen Kette teilt. Konkurrenz fürchten die beiden Modemacher dabei nicht, sondern sehen vielmehr Möglichkeiten für Individualisierung und Co-Kreation.

Das Netzwerk TEXTIL AUS HALLE ist jederzeit auf der Suche nach neuen Mitgliedern und Partner:innen.

Emotionale Bindung als Nachhaltigkeitsfaktor

HAEMD kennt dementsprechend keine Saison, hat keine klassischen Kollektionen, sondern nutzt vielmehr modulare Schnitte, die im Dialog mit der Kundschaft an deren reellen Bedürfnisse angepasst werden. Haben sie bspw. eine Kundin, bei der sich im Alltags- und Berufsleben besonders schnell die Ellenbögen abnutzen, ließen sich diese austauschbar gestalten oder verstärken. Hensel und Hildebrand möchten mit ihrer Mode nicht nur kleiden, sondern gute und nachhaltige Lösung für die Probleme ihrer Kundschaft finden. Zudem möchten sie Mode schaffen, zu der diese eine emotionale Bindung aufbaut, denn das ist es, was die Beiden mit Mode verbinden: Mode ist für sie Ausdruck der emotionalen Verfasstheit ihrer Träger:innen; schließlich sei Kleidung buchstäblich die erste Schicht, die an einem dranklebe, mit der man sich ausdrücke und mit seiner Umgebung in Kontakt trete. Zugleich erhöhe dies die Nutzungsdauer, was Hensel und Hildebrand als einen weiteren wesentlichen Schlüssel für einen nachhaltigeren Umgang mit Mode und Textilien ansehen.

„Nachhaltigkeit“ ist für HAEMD daher auch immer eine Frage des Designs, nicht nur der verwendeten Materialien.

Bisher hätten sie es immer geschafft, emotionale Bezüge zwischen ihren Kleidungsstücken und ihren Kund:innen herzustellen. Damit das auch in Zukunft so bleibt, soll der geplante Onlineshop keinen konventionellen Mustern folgen, sondern Interessent:innen mit einem Baukasten möglicher Schnitte zum eigenen Wunschdesign verhelfen. Damit die emotionale Bindung bereits vor Produktion des Stückes beginnt.

Ein anderer Blick auf Corporate Fashion

Aktuell spezialisiert sich HAEMD zunehmend auf den B2B-Bereich, wenngleich die beiden Modeschaffenden mit der gegenwärtigen Auslegung und Umsetzung von „Corporate Fashion“ hadern:

Hildebrand: „Normalerweise läuft das so: Du kannst dir dein Hemd aussuchen, aber es ist das klassische Hemd, und du kannst dann da irgendwo dein Logo draufmachen – aber das ist genau das, wie wir Corporate Fashion nicht verstehen.“

Hensel: „Weil das eben auch nicht unsere Arbeitsweise ist. Im Grunde müssen wir ja erst projektweise die Schnitte entwickeln, überhaupt das Konzept entwickeln und erstmal hinterfragen: OK, was müssen die eigentlich anhaben? Was ist die Aufgabe von den Mitarbeiter:innen? … Sodass wir dann nicht die klassische Berufsbekleidungsfirma sind.“

Die beiden Modemacher betrachten „Corporate Fashion“ daher auch als Partizipationselement in Unternehmen, weil Beschäftigte dadurch die Möglichkeit hätten, aktiv in einzelne Prozesse und Entscheidungen eingebunden zu werden, was sich wiederum positiv auf die Mitarbeitendenbindung u.ä. auswirke. In Rücksprache mit den Mitarbeiter:innen des eingangs erwähnten Landwirtes, der aktuell erste Faserpflanzen für die hallesche Textilproduktion anbaut, schufen sie bspw. aus anderweitig nicht mehr verwendbarer und auch nicht recyclingfähiger Silagefolie Arbeitstaschen, die speziell an deren Bedürfnisse angepasst waren. Besonders spannend finden Hensel und Hildebrand dabei aktuell die Frage, inwiefern die Berufsbekleidung in medizinischen Praxen zum Therapieerfolg beitragen könnte, inwiefern sie unterschiedliche Therapieansätze aufgreifen und unterstützen könnte.

Falls Sie, liebe:r Leser:in, daran interessiert sind, zu ergründen, wie Ihre Berufskleidung Sie besser bei der Bewältigung Ihrer alltäglichen Arbeitsherausforderungen unterstützten kann, zögern Sie nicht, HAEMD zu kontaktieren.

Interview mit den Geschäftsführern

Die nachfolgenden Auszüge entstammen einem Interview mit den Geschäftsführern Kaur Hensel und Sven Hildebrand, welches am 01.10.2024 in ihren Atellierräumen in Halle (Saale) geführt wurde und eine Grundlage für die obige Unternehmensvorstellung darstellt.

Was ist Ihr Verständnis von „Nachhaltigkeit“?

Unsere Gedanken zu „Nachhaltigkeit“ und „Nachhaltigkeit in der Mode“ beginnen mit der emotionalen Bindung. Das heißt für uns auch immer die Frage: Für wen ist es? Wie, ja, wofür tragen das die Kund:innen?

Sven Hildebrandt

Inwiefern spielt die globale Dimension unternehmerischer Nachhaltigkeit eine Rolle für Sie? Warum (nicht)?

Wir achten bei unserem Materialeinkauf darauf, wo das herkommt.

Sven Hildebrand


Wir sehen lokale Produktion als wichtig an und dass die gestärkt werden muss, weil man auf lokaler Ebene zum einen individueller arbeiten kann, zum anderen sich dort dann auch Netzwerke entwickeln können, die einen besonderen Nachhaltigkeitsvorteil bringen. Durch die Betonung der lokalen Produktion wollen wir aber nicht aussagen, dass der globale Handel und der globale Austausch, der interkulturelle Austausch nicht genauso wichtig wäre.

Sven Hildebrand

Wie spiegelt sich „Nachhaltigkeit“ in Ihrem Unternehmen wider?

Eine Sache, die mir besonders wichtig ist, ist, wie wir mit unseren Kunden, insbesondere bei der Berufsbekleidung, umgehen, dass wir erstmal sehr viele Fragen stellen. Denn oft kommt ein Unternehmen zu uns und will Berufsbekleidung für die Mitarbeiter:innen haben. Und dann fangen wir erstmal an zu fragen: Was sind die Prozesse? Für was wird das benutzt? Wer sind die Mitarbeiter:innen? Was sind deren Tätigkeiten? Um dann zu gucken, gibt’s da noch andere Fragestellungen dahinter? Und vielleicht kreieren wir am Ende dann gar kein physisches Produkt, sondern beraten das Unternehmen vielmehr dahingehend, dass sie eigentlich schon alles haben und wie sie ihre Bausteine anders zusammensetzen könnten. Und das ist dann für uns ein nachhaltiger Designprozess.

Kaur Hensel


Was wir als Zwei-Mann-Unternehmen nicht vergessen dürfen, sind sowas wie Feedbackgespräche, also dass Nachhaltigkeit natürlich auch in der Unternehmenskommunikation und -beziehung stattfindet.

Kaur Hensel


Wir hatten im letzten Jahr auch verschiedene Supervisions-Termine, wo wir uns eine externe Coachin geholt haben, die mit uns Prozesse begleitet, also das ist für uns auch Teil der Nachhaltigkeit.

Sven Hildebrand


Alle Sachen, die Strom fressen könnten, werden ausgeschaltet, wenn wir gehen – außer der Kühlschrank.

Kaur Hensel

Was empfehlen Sie anderen Unternehmer:innen, die sich ebenfalls vermehrt um „Nachhaltigkeit“ bemühen möchten?

Was besonders gut lief, war die Gründung von einem lokal produzierenden Netzwerk, also sich zu fragen: „Ok, wir sind ein Mode-Label, wir verarbeiten Textil – gibt es nicht noch jemand anderes, der auch Textil braucht und wir teilen uns dann irgendwie die Fixkosten, die bei der Textilproduktion sowieso entstehen?“ Also, ich bin dann halt auch einfach in die Textilläden in Halle gerannt und hab gesagt „Ich bin der und der und wir haben das und das vor“ – und welche positive Resonanz und welche sofortige Zustimmung wirklich bei allen Netzwerkpartner:innen gekommen ist, das fand ich schon sehr beeindruckend. Und ich glaube, mit der Fragestellung würde ich auch weiter rausgehen, wenn wir nochmal was anderes produzieren oder brauchen – und das wäre gut, auch anderen Unternehmer:innen weiterzugeben! Das nicht so als einmaliges Konkurrenzding zu sehen á la „Nee, also meine Textilien kann ich ja jetzt mit niemand anderem teilen! Mein Material, das ich zur Weiterverarbeitung brauche, kann ich doch mit niemand anderem teilen!“, sondern auch welche Individualisierungsprozesse das auslöst, sich in einem Produktionsnetzwerk zusammenzuschließen – das war für mich ein sehr, sehr großer, positiver Lernfaktor!

Sven Hildebrand

Was wünschen Sie sich von Ihrem Mit-Unternehmer:innen, Geschäftspartner:innen und Kund:innen; von Politik und Zivilgesellschaft?

Ich für mich halte so eine Mischung aus Umdenken bei den produzierenden Unternehmen, Umdenken bei den Konsumenten und Umdenken in der Politik für elementar. Konkretisiert: Ich halte es nicht für nachhaltig, Bio-Baumwolle in einem T-Shirt eine Millionen Mal zu verarbeiten, weil da ist das Problem dann nicht mehr das Material, sondern die Stückzahl. Auf Seiten der Kund:innen bedarf es natürlich einer größeren Aufgeklärtheit bezüglich der Produktionsprozesse und vielleicht auch ein bisschen mehr Sensibilisierung dahingehend, dass, wenn ein T-Shirt 1,99€ kostet in gewissen Shops, dass es dann so oder so, egal was da dransteht, […] nicht nachhaltig sein kann.

Sven Hildebrand


Als Unternehmer wünsche ich mir, dass solche Gründungsinitiativen wie z.B. das Designhaus einfach langfristiger und stärker unterstützt werden, weil das Teil des dringend notwendigen transformativen Wandels ist und mittlerweile die Kreativwirtschaft auch eine der stärksten Branchen in Sachsen-Anhalt ist. Also, das muss weiter unterstützt werden. Und dass solche Einrichtungen […] langfristig und nachhaltig auf die Beine gestellt werden; und dass das erkannt wird, dass Ausgründungen aus Hochschulen und Universitäten extrem wichtig sind.

Sven Hildebrand


Da mache ich besonders uns als Kreativwirtschaft schon den Vorwurf, dass wir gerade sehr viel Kreativität für die Entwicklung von neuen Produkten und Nachhaltigkeitsprozessen benutzen, es aber gerade vernachlässigen, darüber nachzudenken, wie wir Verkaufsprozesse anders gestalten könnten.

Sven Hildebrand

Kontakt

haemd – Modedesign Hensel und Hildebrand GbR

Berliner Straße 5 | 06112 Halle (Saale) | +49 162 3667163

https://haemd.com


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